Samstag, 20. April 2013

Fleißiges Deutsch-unterrichten



Dieses leicht gestellte Foto soll einmal die Arbeit verdeutlichen, die ich in meinen Deutschkurs investiere. Wer genau hinsieht kann von links oben nach rechts unten folgendes entdecken
1) Vokabelliste zum 3. Kapitel
2) Einen aufgrund fehlender CD zum Buch meinerseits leicht improvisierten Hörverstehens-Text
3) Mein Arbeitsblatt zum Thema Verbkonjugation im Präsens
4) Einen Stadtplan mit Wegbeschreibung
5) Kärtchen in drei Farben zum verdeutlichen von „der“, „die“ und „das“
6) Meinen Notizblock, auf dem ich am Tag davor grob den Stundenverlauf notiere
7) Übersichtsplakate zu den Pronomen sowie der Konjugation von „sein“ sowie der regelmäßigen Konjugation am Beispiel von „kommen“
8) Kärtchen mit Buchstaben, besonders kompliziert: Ä, Ö, Ü und ß
9) Lehrbuch und Arbeitsbuch
10) Eine Mappe voller weiterer Kopien, Notizen und Zettelchen
11) Aus Schnipseln zusammengelegte Sätze zum verdeutlichen der Satzstellung in Aussagesatz und Frage
12) Kopien aus Arbeits- und Lehrbuch
13) Schere, Textmarker, Kuli, Bleistift und Buntstifte, oder was eine motivierte Lehrerin sonst noch so braucht

Mittwoch, 17. April 2013

Ostern ohne Ostern


Wie man Ostern in Mexiko feiert? Keine Ahnung. Meine Gastfamilie feierte einfach gar nicht. Vom Osterwochenende gibt es aber trotzdem einiges zu erzählen, denn meine Gastfamilie, die wie fleißigen Bloglesern bekannt ist aus drei Geschwistern besteht (Christian, Marisol und Gilberto), nutzte die freien Tage um gemeinsam mit mir ihre Eltern, Tanten, Großeltern, Cousins und so weiter, kurz gesagt ihr Heimat aufzusuchen. Ebenfalls mit von der Partie: Meine „Nichte“ Jimena, Tochter meines großen Gastbruders, sowie dessen Freundin, ebenfalls mit Kind.
Meine Gastfamilie kommt aus Zicuiran, einem, naja nennen wir es mal großen Dorf (wenn sich das nicht widerspricht), von etwa 3000 Einwohnern in Tierra Caliente. Diese Region Michoacáns, die übersetzt etwa  „heiße Erde“ heißt, ist zum einen, der Name verrät es kaum, für die Hitze bekannt, die dort herrscht, aber auch für Drogenkriminalität. All das trägt dazu bei, dass das Leben dort noch einmal ganz anders ist, als das was ich in Huecorio und Morelia kennengelernt habe.
Was das Drogengeschäft angeht, so hat das Dorf seinen Chef-narco (narcotraficante kurz “narco“= Drogenhändler). Jeder kennt ihn, doch niemand würde ihn ausliefern, denn ihm haben es die Leute zu verdanken, dass es so viel Arbeit gibt. Immer wieder auf Fahrten oder Spaziergängen durchs Dorf stupste mich meine Gastschwester an und erklärte: „Hier siehst du die Apotheke/diese Disko/diese Ampeln/… all das hat er bauen lassen, all das gehört ihm, aber pssst, man redet nicht darüber, denn diese Leute haben keine Skrupel dich umzubringen wenn du redest.“ Das Ganze geht so weit, dass ich eine Geschichte hörte, dass ein 8-Jähriger von der Polizei das Foto dieses Chef-narcos vorgehalten bekommen haben soll. Selbstverständlich kannte er ihn, doch er log den Polizisten ins Gesicht. der Chef-narco erfuhr davon und ließ dem kleinen 1000$ also etwa 65€ zukommen. Diese Geschichten werden hier übrigens genauso trocken bis lustig erzählt. Es ist etwas total Normales, die Leute haben sich damit arrangiert und wissen sich rauszuhalten. Trotzdem fand ich es gruselig Personen zu treffen die meine Gastschwester grüßten und im Nachhinein von ihr zu erfahren, dass auch sie narcos sind. Es ist so unvorstellbar für mich, wie normal das hier ist. Aber zurück zum offiziellen Leben im Dorf:
Am Donnerstag gegen Mittag, also zur heißesten Zeit des Tages kamen wir an. ich weiß nicht wie viel Grad es gewesen sein mögen, das einzige Mal, dass ich auf ein Thermometer schaute war abends um 10 Uhr, um diese Zeit zeigte das Thermometer nur noch 25 Grad.
Das Haus der Familie ist klein und einfach. Der hintere, ältere Teil ist aus Holz und unverschlossen. Nur der Bereich in dem Tortas (belegte Brötchen) verkauft werden sowie das Schlafzimmer, das sich früher die ganze Familie teilte, jetzt aber entsprechend nur noch wenn die Kinder zu Besuch sind richtig voll wird, haben Steinwände. Eigentlich findet das ganze Leben draußen statt, denn alle Türen (sofern es welche gibt) stehen offen und wer gerade nichts zu tun hatte, saß hinter dem Haus zwischen Kakteen, Zitronenbäumen und Palmen. Wie ich es schon aus Huecorio kannte, gibt es nicht laufend fließend Wasser wie etwa in Morelia. Das Wasser kommt nur alle paar Tage sodass man in dieser Zeit die „pila“ ein großes Wasserbecken volllaufen lässt. Daraus schöpft man dann Wasser zum waschen spülen oder duschen. Ja richtig, eine Dusche gibt es nämlich leider nicht. Macht es einem nichts aus, dass Vorbeigehende von der Straße aus zusehen könnten, kann man sich natürlich hinter der „pila“ duschen, wenn doch, nun, dann geht man eben zum Duschen zwei Straßen weiter die Tante besuchen.
So lernte ich nach und nach die ganze Familie kennen, einschließlich absolut liebenswerter Großmutter aus dem Nachbardorf. Im Elternhaus selbst hielt sich die Kommunikation in Grenzen, da die Mutter von ihrem Restaurant voll beansprucht ist und der Vater kein Mann der vielen Worte. Wer meine Aufmerksamkeit dagegen vollkommen beanspruchte war meine Nichte, die mich vorübergehend zu ihrer Lieblingstante erklärt zu haben scheint.
Wie wir also die ganze Zeit verbrachten? Ich weiß es auch nicht so ganz. Das Wochenende dort hatte so einen ganz anderen Rhythmus als das in Morelia. Abwechselnd widmeten wir uns der Kinderbespaßung – die beiden schleppten bald eine ganze Horde an Kindern aus der Nachbarschaft an – oder wurden zur „tienda“ (etwa Tante-Emma-Laden, in ganz Mexiko allerdings noch total gefragt) geschickt und ruhten uns zwischenzeitlich immer wieder im Schatten von der unerträglichen Hitze aus, tranken wahlweise eiskalte Cola oder eiskaltes Bier (mit Salz und Zitrone) und aßen frisch gepflückte Mangos. Einen Tag holten wir Kokosnüsse von der Palme, um das Kokoswasser kalt zu stellen und sowie das frische Kokosfleisch zu essen und ebenfalls an diesem Tag wurde aus dem friedlichem Planschen der Kinder im Planschbecken schnell eine Wasserschlacht zwischen uns „Erwachsenen“ die wir alle klitschnass beendeten. Einen anderen Tag kam eine Freundin Marisols mit ihrer gesamten Familie vorbei und wir brieten „mojarras“ für die ganze große Runde und veranstalteten eine Art Gartenparty. Zweimal fuhren wir nach Ixtapita (der Name ist ein Wortspiel, bedeutet kleines Ixtapa, der Name einer sehr touristischen Küstenstadt in Michoacáns Nachbarstaat Guerrero). Ixtapita liegt leider nicht am Strand sondern an einem Stausee. Trotzdem wurde dort eine Art Erlebnisschwimmbad eröffnet, mit Pool, Bananen-Boot, Restaurant und mehr. Wir kamen allerdings immer nur zum gucken vorbei. Ins Wasser hätte sich niemand getraut bei alledem was man sich über das erzählt was auf dem Grund des Stausees zu finden ist…
Ich sollte vielleicht bei meinem nächsten Besuch in Zicuiran ein paar Bilder machen. Diesmal wäre ich mir dabei etwas zu touristisch und aufdringlich vorgekommen.

Mittwoch, 20. März 2013

Endlich wieder Proben!


„Y que es lo que extrañas más de allá?”, ist eine der mir wohl am häufigsten gestellten Fragen. Was ich also am meisten von „dort“ (gemeint ist natürlich Deutschland) vermisse? „Meine Familie und meine Freunde“, antworte ich ohne zu zögern. „Und abgesehen davon?“

Die Antwort: Im Allgemeinen, meinen häufig stressigen Alltag. Von der Schule nach Hause hetzen, in den Freistunden schnell Essen warm machen, Hausaufgaben runterschreiben, 15 Minuten Klavier spielen. Mittags mit 1000 Taschen aus dem Haus gehen, um zwischen Nachhilfe, Klarinettenunterricht und Orchesterprobe nicht mehr nach Hause kommen zu müssen.  Wie oft habe ich darüber gejammert und doch gewusst, dass es genau das ist was ich brauche um das Gefühl zu haben mein Leben in vollen Zügen zu leben. „Al cien“ sozusagen, zu 100 Prozent. Von allem aber am meisten, habe ich es vermisst im Orchester zu spielen, etwas zu haben wofür sich das Üben lohnt.

Aber jetzt kommt die gute Nachricht: Ab sofort heißt die Antwort auf die Frage was ich am meisten vermisse wahrscheinlich Frikadellen mit Nudelsalat, denn mein Wunsch, endlich wieder in einem Orchester zu spielen, wieder zu proben, hat sich mit Dank etwas Glück, oder sagen wir Dank Nicole erfüllt.

Die spielt nämlich schon seit einigen Wochen in der Jugend-Philharmonie von Morelia und konnte mir ein außerordentliches Probespiel arrangieren, das provisorisch in der Küche des Proberaumes stattfand. Ich muss sagen, die Atmosphäre nahm sogar etwas die Aufregung, sodass ich nicht einmal das komplette Stück, das ich vorbereitet hatte, spielen musste, um aufgenommen zu werden.

Naja und von nun an werde ich jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 18 bis 21 Uhr mit dem Jugend-Sinfonieorchester proben, werde fast wie zuhause das Haus gegen Mittag verlassen und erst weit nach Anbruch der Dunkelheit zurückkehren, um mich anschließend glücklich und zufrieden aufs Bett zu schmeißen. 

Donnerstag, 28. Februar 2013

Ein neuer Alltag

Dass tatsächlich schon sechs Monate hier in Mexiko vergangen sind merke ich daran, das heute der zweite 3-Monatsbericht an meine Entsendeorganisation ijgd fällig war. Hier, wie schon vor drei Monaten, der Berichts-Ausschnitt, der einen ganz normalen Tag beschreibt:

8:30 – der Wecker klingelt. Warum so früh? Bevor ich mich daran erinnere schlafe ich wieder ein. Der gleiche Gedankengang wiederholt sich in Drei-Minuten Intervallen, bis ich mich um 8:51 letztlich doch erinnere – es ist Dienstag, ich muss um 12 Uhr arbeiten und will den Morgen nicht verschlafen sondern nutzen um meine Deutschstunde für den Nachmittag vorzubereiten. Ich stehe also auf, dusche, frühstücke und mache das Bett, nur um gleich darauf Deutschbuch, Deutsch-Arbeitsheft, Notizblock, Kopien und ein Sammelsurium an Stiften darauf auszubreiten. 10 Minuten später findet sich der grober Ablauf für die heutige Stunde auf dem Papier. Ich schalte meinen Laptop ein, um an der Vokabelliste für das zweite Kapitel weiterzuarbeiten, mit dem wir voraussichtlich morgen oder übermorgen anfangen werden. Ich übersetze mehr als hundert Wörter vom Deutschen ins Spanische, stocke immer wieder bei den Präpositionen und schalte den Laptop gegen 11:25 aus, um mich auf den Weg zum IJUM (Instituto de la Juventud Moreliana) zu machen. Der Fußweg ist lang - 2 km, 25 Minuten - aber mit dem Kombi wäre ich kaum schneller. Ich laufe also die vierspurigen Hauptverkehrsstraßen entlang, atme den Smog ein und habe den Staub bei jedem stärkeren Windstoß auch noch ein den Augen. Um 11:55 Uhr erreiche ich das IJUM, grüße die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die bereits anwesend sind, gehe in Zairas Büro und hole mir den Aktenordner, an dessen Inhaltsverzeichnis ich weiterarbeiten werde. Die nächste  Stunde lang, überfliege ich Dokumente, tippe ihren Inhalt in den PC, markiere hier und da Seiten, die ich nicht verstehe, mit Post-Its und bespreche diese anschließend mit Zaira. Um 14:10 Uhr sind wir fertig. Ich mache mich wieder auf den Weg nach Hause. Es ist noch wärmer als vor zwei Stunden und ich kaufe mir im nächsten Lädchen einen Saft, um die Sonne zu ertragen. Zuhause angekommen, treffe ich auf meine Gastschwester Marisol, die mir stolz erklärt, was es heute zu essen gibt: Tacos dorados. Während sie diese vorbereitet, wasche ich das Geschirr, um im gleichen Waschbecken danach Platz zu haben, meine Wäsche zu waschen. Anschließend essen und quatschen wir gemeinsam, bis ich schließlich wieder los muss. Ich gehe noch schnell zur Papeleria (=Schreibwarengeschäft) Kopien machen und mache mich dann erneut auf den Weg zum IJUM. Fünf Minuten vor Stundenbeginn, den wir auf 17:30 verlegt haben, trudele ich dort ein. Iris, eine meiner Schülerinnen, ist schon da. Als auch Sarahí zu Tür hinein kommt, sind wir vollzählig. Die Stimmung in dieser kleinen Gruppe ist locker und freundschaftlich, Aufmerksamkeit und Lernfortschritt sehr gut. Die nächsten zwei Stunden beschäftigen wir uns mit Übungen zur Aussprache, einem neuen Text, und allgemein jeder Menge vor- und nachsprechen, Dialoge lesen und variieren und Arbeitsbuchaufgaben lösen. Die Musik des angrenzenden Salsa-Kurses lädt uns zum tanzen ein, doch es bleibt beim leichten hin und her wippen. Um 19:30 Uhr verabschieden wir uns mit einer Mischung aus „¡Hasta mañana!“ und „Bis morgen!“ und ich laufe zum vierten Mal meine 2km nach Hause. Erst jetzt merke ich, wie fertig ich bin, von einem ganzen Tag auf den Beinen und hungrig noch dazu. Während ich esse kommt erst Gastbruder Christian nach Hause und später schaut auch noch Aurora, Marisols beste Freundin vorbei, sodass wir noch eine ganze Weile in der Küche sitzen bleiben, quatschen und Pläne für das Wochenende machen. Erst danach erfüllt sich mein Wunsch nach Ruhe, ich schalte durch die Fernsehkanäle, gebe enttäuscht auf und nehme lieber mein Buch zur Hand. Zu guter Letzt stelle ich den Wecker für morgen und schlafe zufrieden ein.

Freitag, 22. Februar 2013

Ein verspätetes "Helau!"

Fasching ist schon seit einigen Tagen vorbei, und "Helau" hört man hier auch nicht, trotzdem möchte ich meine mexikanischen Karnevalserfahrungen hier nicht unerwähnt lassen.

Karnevalsbräuche variieren von Ort zu Ort. In Huecorio, wo ich anlässlich dessen wieder einmal zu Besuch war, läuft das Spektakel folgendermaßen ab:

An den Tagen vor Karneval tanzt abends ein Stier, beziehungsweise ein als Mensch verkleideter Stier von Banda-Musik begleitet durch die Straßen. Ebenfalls Teil des Spektakels sind erneut "guares". Diesmal kleiden sich allerdings nicht die Mädchen, sondern Jungs in der Tracht aus Rock und Bluse und setzen sich Frauenmasken auf. Fahnen schwenkend tanzen sie abwechselnd um den Stier herum oder tanzen mit den Männern, deren Aufgabe es ist, den Stier immer wieder einzufangen.




Am letzen Tag, also Faschingsdienstag wird der Stier am Ende zerstört. Die "guares" und die Männer, die den Stier in Schach halten, schlagen auf ihn ein, bis das Gerüst beinahe auseinander fällt. Zuletzt wird das Kostüm angezündet. Der Karneval ist (nach dieser letzen Nacht) vorbei.




Montag, 11. Februar 2013

Una guare guera

"guare" = Mädchen oder junge Frau die zu sich für eine traditionelle Feier in Tracht kleidet
"guero/-a" = alles was tendenziell europäisch oder nordamerikanisch aussieht, sprich helle Haut, blonde bis hellbraune Haare und/oder grüne, blaue oder graue Augen

Darf ich also vorstellen: Eine "guare guera":


Und die ganze Familie (meine Schwester, unsere Nichte und ich):


Gefeiert wurde zur Ehren der "Virgen de la Candelaria". Diese wird allgemein am zweiten Februar verehrt, in unserem Dorf ist diese Feier jedoch besonders wichtig und dauert ganze vier Tage, weshalb ich beschloss diese Zeit dort zu verbringen.

Am ersten Tag fanden zwei Gottesdienste statt, einer morgens einer abends. Zum abendlichen Gottesdienst gehörte eine Prozession, in der die in letzter Zeit getauften Babys mit Blumenkrone und Kerze ausgestattet von einem Paten durch das Dorf getragen wurden. Da auch mein kleiner Neffe zu diesen gehörte, wurde anschließend noch im Familienkreis gefeiert.

An den restlichen drei Tagen fand jeweils ein "jaripeo", also Rodeo statt. Die Arena dafür ist direkt am Ortsausgang, der Eintritt frei und daher alle Ränge voll besetzt. Trotzdem finden die unzähligen Verkäufer von Bier, anderen Getränken, Chips, Eis, Mangos, Churros, Zuckerwatte, Kinderspielzeug und so weiter immer einen Weg zwischen ihnen hindurch.

Ebenfalls Teil des Spektakels, an dem das ganze Dorf und Besucher von außerhalb teilnehmen, sind die "guares". Zu Beginn des "jaripeos" laufen und tanzen sie, begleitet von der "banda", vom Dorf bis in die Arena, wo sie dann noch eine Weile, inmitten der Arena weitertanzen. Unter ihnen befinden sich auch als Teufel verkleidete Dorfbewohner, die an diesen Tagen allerhand Unsinn machen dürfen, beispielsweise die Verkäufer beklauen und ihre Beute an die Zuschauer verschenken. Zwischen ihnen läuft auch immer ein Schäfer mit einem Rosenkranz um den Hals herum, der wenn ich das richtig verstanden habe, dem Teufel Einhalt gebieten soll.

Links auf der Bühne spielt die "banda", die Ränge sind voller Zuschauer und innen im eingezäunten Bereich geht das Programm los:


Tanzende "guares" und Teufel:



Und da bin ich (die mit der gelben Schleife):


Schließlich betreten auch die Stierreiter ihr Terrain, jeweils Arm in Arm mit einer "guare". Sind alle versammelt, wird jedem von ihnen ein Stier zugelost:


Und dann geht's los: Der Stier wird an einem Seil von mehreren Männern in die Arena gezogen und in diese Box eingesperrt. Er bekommt einen Gurt um den Bauch, zum Festhalten für den Reiter und zu dessen weiterem Schutz Ausätze über die Hörner. Im gleichen Moment in dem der Reiter aufspringt, öffnen die Helfer das Tor, der Rodeo beginnt. Nach etwa einer halben Minute oder wenn der Reiter fällt, wird der Stier mit Lassos wieder eingefangen:



Nachdem alle 10 Stierreiter ihren Durchgang hatten, verlässt die Menge die Ränge und folgt "guares", Teufeln und "banda" zurück ins Dorf auf den (Basketball-)Platz vor der Kirche, wo wieder getanzt und dann eine Art kurzes Stück aufgeführt wird. Wenn ich es richtig verstehe geht es um die Ablehnung des Teufels:

Freitag, 8. Februar 2013

Alles Neu...

Dann bin ich jetzt wohl Großstädterin, denn Morelia, wo ich seit Montag wohne hat laut Internet und Reiseführer etwa 600.000 Einwohner. Die Leute hier machen es auch gerne mal zur Millionenstadt - wer weiß ob das mittlerweile stimmt.

Meine neue "Familie" ist eigentlich gar keine Familie im Sinne von "Vater-Mutter-Kind(er)", denn ich wohne mit drei Geschwistern zusammen, die ohne ihre Eltern hier in Morelia leben und studieren oder arbeiten.

Ich teile mir ein Zimmer, sowie auch die Matratze, mit Marisol, 26 Jahre alt, vorrübergehend arbeitslos und deshalb zuhause. Wir verstehen uns super, auch wenn sie wohl dachte, dass ihr neuer deutscher Gast eher in ihrem Alter sein würde. So hat sie mich stattdessen eben zur kleinen Schwester erklärt, auf die gut aufgepasst werden muss.

Ihr großer Bruder Christian (32) arbeitet den ganzen Tag und ist kaum zuhause. Marisol hatte mich schon vorab gewarnt, dass sie und ihre Brüder immer viele Scherze machen (und außerdem viel fluchen, aber das habe ich auch so schon gemerkt) und so war ich nicht weiter geschockt als er mich fragte, ob meine Eltern mich denn nicht lieben würden, dass sie mich so jung so weit weg gehen lassen würden... "Doch", antwortete ich ihm also, und deshalb würden sie mich ja in dem unterstützen, was ich tun will.

Den jüngeren Bruder habe ich noch nicht kennengelernt, er ist gerade nicht zuhause weil seine Universität streikt. Er studiert Architektur, ist so alt wie ich und laut Marisol werde ich mich gut mit ihm verstehen, so wie schon mit ihr und ihrem großen Bruder. Hoffen wir das sie recht hat!

Das Haus ist sehr einfach, was mich nicht weiter stört. Werde ich meine Kleidung eben nur noch per Hand waschen, dafür gibt es warmes fließendes Wasser zum Duschen, was für mich ein kleiner Luxus ist. Das einzige was mich leicht fertig macht ist, dass die Wasserhähne tropfen und dauernd jemand das Licht anlässt - Verschwendung.

Was die Arbeit angeht bin ich leider derzeit nicht so zufrieden. Zunächst wurde der Termin, wann ich dort im "Instituto de la Juventud" (Institut der Jugend) vorgestellt werden sollte mehrfach verschoben, und als ich nun am Mittwoch dort vorgestellt wurde, erfuhr ich nur, dass meine eigentliche Arbeit, Deutschunterricht, erst ab dem 18.02. beginnen würde. Und auch dann nur eine Stunde täglich von Montag bis Freitag und samstags vier. Außerdem solle ich bei einmaligen Aktionen wie beispielsweise zum Valentinstag mithelfen. All das hört sich zwar nicht schlecht an, trotzdem aber, und das habe ich im Gespräch sowohl mit Vertretern des "IJUM" sowie mit meiner Freiwilligenorganisation "Vive México" angesprochen, hätte ich gerne noch mehr kontinuierliche Aufgaben, schlicht und einfach mehr zu tun.

Ich hoffe das klappt, ich gebe zu derzeit bin ich was das angeht leicht deprimiert da gelangweilt und aber auch enttäuscht. Schließlich bin ich mit der Überzeugung hierher nach Mexiko gekommen zu arbeiten. Für mich selbst war es bisher vor allem abseits der Arbeit dennoch eine großartige Erfahrung und ich habe es nie bereut hierher gekommen zu sein, doch sehe ich irgendwie nicht den Sinn darin, mir im Endeffekt vor allem Freizeit vom BMZ (Bundesministerium für internationale Zusammenarbeit und Entwicklung) sowie von Verwandten, Freunden und Bekannten per Spende sponsern zu lassen.

Was ich also mit meiner ganzen Freizeit mache? Zum Beispiel mit Marisol zu ihrem Englischunterricht gehen. Das erinnert mich auf eine nostalgische Art und Weise an meine noch nicht so lang vergangene Schulzeit und ist zudem sehr amüsant, da der Lehrer eine unverkennbare Ähnlichkeit mir Kaya Yanar als Ranjid hat.

Außerdem bin ich zu Alejandras Geburtstag wieder zurück nach Huecorio gefahren. Das war lustig, da ich am nächsten Tag mit zum Essen verkaufen in der Schule gekommen war, und daran, wie viele mich gegrüßt und angesprochen haben, erst richtig gemerkt habe wie sehr ich schon Teil dieser Schule geworden war. Nach Huecorio zu kommen war jedoch erst einmal ein kleines Abenteuer, denn die Straße zwischen Morelia und Pátzcuaro war etwa 6km vor Ankunft gesperrt, Autos stauten sich, der Bus blieb stehen, bzw beschloss schließlich nach Morelia zurückzukehren und die Mehrheit der Fahrgäste daher aufzusteigen und einige Kilometer zu laufen. Und so legte ich die nächsten zwei Kilometer bei sengender Sonne zu Fuß zurück, weitere zwei Kilometer per Anhalter auf der Pick Up Ladefläche und den Rest endlich im Kombi (also dem hiesigen Äquivalent zu einem Linienbus). Das ganze zum Glück nicht alleine, sondern mit anderen Fahrgästen mit gleichem Schicksal. So lernte dabei Adelina kennen, die zufällig auch aus Huecorio kommt.

Und wieder einmal stelle ich fest, ich bin nicht in Deutschland, ich bin in Mexiko! Wäre sonst einfach so eine Straße gesperrt gewesen? Immerhin diesmal nicht wegen einer Schießerei, das soll es auch schon gegeben haben, sondern durch eine streikende Busgesellschaft? Wäre ich sonst auf einer Pick Up Ladefläche mitgefahren? Hätte ich sonst so schnell neue Bekanntschaften geschlossen? Ich glaube nicht und sagt was ihr wollt, aber ich fühle mich wohl in diesem Land, in dem so viel mehr Spontanität gefragt ist.