Sonntag, 19. Mai 2013

Eine von 25 Millionen...

... Personen die durch Mexiko-Stadt wuseln... das war ich in der Woche nach Ostern.

Schon recht lange her ich weiß. Vielleicht liegt es daran, dass die Stadt mich leicht überfordert hat, dass ich erst jetzt darüber schreibe. Je nach dem, welche Internetseite man fragt, und ob man die eigentlich Stadt oder das Ballungsgebiet meint rangiert Mexiko-Stadt nämlich auf Platz 1-3 der größten Städte der Welt.

Das bemerkt man vor allem am Verkehr. U-Bahn fahren kann je nach Tageszeit entweder etwas oder sehr nervig werden. Sehr nervig zu den Stoßzeiten, in denen man sich in die Waggons quetschen muss und nervig zu jeder anderen Zeit in der bewegen in den Wagons durchaus möglich ist und sie daher zum Arbeitsplatz für Kaugummi-Verkäufer, CD-Verkäufer (mit Musikboxen im Rucksack, um ihre Ware vorzuführen), Verkäufer von allerlei anderem unnötigen Krimskrams (der dann aber auch nur 10$=70ct. kostet), Bettler oder Komödianten werden. Trotzdem ist die U-Bahn das schnellste Fortbewegungsmittel sowie das günstigste. Dank Subventionen kostet eine Fahrt 3$=20ct. Wo man mit der U-Bahn nicht weiterkommt warten die verschiedensten Arten alter und neuer, großer und kleiner Busse, benzin- oder strombetrieben. Die ganze Stadt scheint ununterbrochen in Bewegung und an jeder Ecke entstehen neue Brücken, die entfernte Teile der Stadt schneller miteinander verbinden. Egal wohin man braucht bestimmt immer mindestens ein halbe Stunde. Mit eigenem Auto womöglich noch länger. So nett diese Stadt für eine Woche war, es gibt wirklich fast schon zu viel zu sehen, leben würde ich hier nicht wollen.

Wo wir aber bei viel zu sehen sind: Das ist tatsächlich kein Wunder, wenn erobernde Spanier eine eigene Stadt über eine bereits existierende Aztekenstadt setzen (führt zum Anblick von Tempelresten neben Kirchen und Wolkenkratzern) und wenn in dieser Stadt später ein Viertel der Bevölkerung des Landes wohnt, was sie zum wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum des Landes macht.

Was übrigens die miesen Vorurteile über Mexiko Stadt angeht: Die Stadt ist tatsächlich eines der sichersten Pflaster Mexikos.

Jetzt aber von Anfang an. Begleitet wurde ich wieder einmal von Xenia, mit der ich schon durch Yucatán unterwegs war. Nachmittags trafen wir uns am Busbahnhof von Mexiko und fuhren, da uns unsere potenziellen Gastgeber, andere deutsche Freiwillige, nicht geantwortet hatten ins Zentrum, um dort ein Zimmer im Hostel zu nehmen. Von dort aus suchten wir dann per Internet wieder Couch-Surfing-Unterkünften, um möglichst wenige Tage im Hostel verbringen zum müssen.

Den restlichen Tag verbrachten wir damit durchs Zentrum zu schlendern.
Ein paar Eindrücke:

Der Zócalo, Hauptplatz Mexiko-Stadts. Hier ist immer etwas los, diesmal: American Football.
Die riesige Flagge hat übrigens Maße von 14,3 x 25 Metern.

Die Kathedrale von Mexiko-Stadt, direkt am Zócalo

Sieht stark nach einem Modell von Tenochtitlan aus, der Aztekenstadt die an gleicher Stelle stand,
bevor die Spanier darüber Mexiko Stadt errichteten

Diese Haus nennt sich casa de los azulejos - Fliesenhaus
Für den nächsten Tag hatten wir uns zunächst den Templo Mayor vorgenommen, also die Ausgrabungen eines alten Tempels Tenochtitlans gleich neben der Kathedrale. Das interessante ist, es ist noch keine 100 Jahre her, das dieser Tempel entdeckt wurde. Man dachte vorher er liege komplett unter der Kathedrale und könne daher nicht freigelegt werden. Aber tadaaa, hier ist er. Man stelle sich vor, Aztekentempel, mitten in einer andererseits wieder völlig modernen Großstadt:



Aztekisch ging es weiter, nämlich in Teotihuacan. Das liegt etwa 50km außerhalb von Mexico City, bedeutet etwa eine halbe Stunde zum Busbahnhof und weitere 45 Minuten zur archäologischen Stätte.

Vom Eingang aus an dem wir ankamen, ging es zunächst zum Tempel des Quetzacóatl:

Quetzacóatl ist einer der wichtigsten aztekischen Götter und wird als gefiederte Schlange dargestellt, wie in den Reliefs noch sehr gut zu erkennen ist:


Noch bekannter ist Teotihuacan jedoch für die Sonnenpyramide, die große klobige hier:


Sowie für die kleinere Mondpyramide, die man hier von oben wunderbar sieht. Einen zweiten Aufstieg sparten wir uns jedoch. Ich merkte auch so die kommenden Tage beim Treppen steigen noch meine Schenkel!

Apropos weitere Tage: Das Unterkunfts-Problem war leider immer noch nicht geklärt und so schickten wir zurück in der Stadt Mail nach Mail und Sms um Sms an Couchsurfer und befreundete deutsche Freiwillige, um eine Alternative zum Hostelaufenthalt zu finden. Während wir auf Antworten warteten lernten wir noch ein paar weitere Teile Mexiko Stadts kennen:

Der Palast der schönen Künste, drinnen soll es auch schön sein, wir beließen es beim äußeren Anblick.
Im Hintergrund: der Torre Latinoamerica
Direkt daneben ein schöner Park, die Alameda Central
Mittlerweile wurde es dunkel, wir waren bis zur Plaza de la República mit dem
hier blau erleuchteten Revolutionsdenkmal gelaufen.
Mittlerweile hatte sich dann aber doch jemand bei uns gemeldet: Manuel - Couchsurfer - konnte uns zwar selbst nicht treffen, wollte aber seinen Bruder schicken uns abzuholen. So holten wir unsere Taschen aus dem Hostel und liefen bzw irrten mehr als eine halbe Stunde lang suchend durch die U-Bahnstation an der wir uns treffen wollten, bis wir Jonathan, von dem wir nur wussten dass er rote Hose und schwarzes T-Shirt trug, endlich trafen. Eine knappe Stunde später, so lange Zeit, wie wir bis zu unserer neuen Privat-Unterkunft brauchten, kannten wir uns dann doch schon etwas besser und trafen im Haus auch schließlich auf Manuel.

Unsere Unterkunft erwies sich mal wieder als echter Glücksgriff. Die beiden schmiedeten bereits Pläne uns die Stadt zu zeigen und morgens bekamen wir ganz ungefragt Frühstück. Manuel war bereits auf der Arbeit, aber Jonathan, der immer nachmittags zur Schule geht verließ mit uns das Haus, um uns in den Stadtteil Coyoacan zu begleiten, der als eine der Touristenattraktionen Mexiko gilt. Schön anzusehen sind beispielsweise dieser Koyoten-Brunnen (Koyoten - Coyoacan - aaah daher der Name):


Noch interessanter ist das Museum Frida Kahlos, das blaue Haus:


Drinnen ist fotografieren leider nur gegen Gebühr erlaubt, die ich nicht bezahlen wollte. Das Museum ist aber wirklich zu empfehlen. Generell ist Frida Kahlos Lebensgeschichte einfach interessant. Vielleicht hat jemand den Film "Frida" mit Salma Hayek in der Hauptrolle gesehen. Wer ihn nicht kennt sollte ihn sich ruhig angucken, vor allem diejenigen die möglicherweise demnächst nach Mexiko Stadt kommen und die Chance hätte hier ins Museum zu gehen, ja ihr seid gemeint Mama und Papa und auch du Markus. Letzterer kennt ihn vielleicht schon, ich jedenfalls habe ihn irgendwann mal im Spanisch-Unterricht gesehen. Mit Film und Spanisch-Unterricht als Grundlage jedenfalls kommt einem im Museum doch so einiges bekannt vor und das Museum tut dann sein übriges Bezüge zwischen ihrem Leben (vor allem ihrer Behinderung infolge eines Unfalls und dem Auf und Ab ihrer Liebe zu Diego Rivera) und ihrer Malerei und ihrer Persönlichkeit herzustellen.

Nach Coyoacán ging es in den Stadtteil San Angel, der aber nicht sonderlich spektakulär war, was ich spätestens daran merkte, dass ich von dort kein einziges Foto habe. Die meiste Zeit dort verbrachten wir mit warten auf Manuel und mit essen.

Anschließend, bei schon einbrechender Dunkelheit, wurde es dann wieder interessanter, denn wir gingen uns das Gelände der UNAM, der Universidad Nácional Autonoma de México, ansehen. Diese staatliche Universität gilt als beste Lateinamerikas und ihr Gelände ist dank zahlreicher Wandgemälde außerdem UNESCO-Weltkulturerbe. Gutes Beispiel dafür, was ich denn mit Wandgemälden genau meine ist die Universitätsbibliothek:


Gleich um die Ecke steht übrigens auch das Olympiastadium der Spiele von 1968.


Gleichzeitig ist es das Heimspiel-Stadion der "Pumas", offiziell der Mannschaft der UNAM, im Endeffekt aber viel zu gut bezahlt um zu studieren und ein genauso zusammengekaufter Haufen wie alle Teams der ersten mexikanischen Liga.
Generell haben hier fast alle Fußballmannschaften etwas kreativere Namen als einfach ihre Heimatstadt. So heißt das Team von Guadalajara "chivas" (=Ziegen) und unsere Mannschaft von Morelia sind die Monarcas (=Monarchfalter).
Was in Deutschland die Bayern sind, man liebt oder man hasst sie, ist hier übrigens "América". Anders als die Bayern ist diese Team aus Mexiko Stadt aber nicht nur dafür verhasst viel zu oft zu gewinnen und die Liga aufzukaufen, sondern auch dafür, Mannschaft der Fernsehsender-Gruppe Televisa zu sein, die fast ein Informationsmonopol und entsprechend große Macht hat. Schlägt Televisa sich in der Präsidentschaftswahl also auf Seiten Enrique Peña Nietos, der zudem vorsorglich eine Schauspielerin aus einer Telenovela Telvisas heiratete, gewinnt dieser schwups die Präsidentschaftswahl. Man stelle sich vor die ARD mache Wahlkampf für Merkel und diese heirate Florian Silbereisen...

Vierter Tag in Mexiko Stadt: Ab in den Bosque de Chapultepec, einen riesigen Park von 4km² mitten in Mexiko Stadt. Chapultepec ist übrigens nahuatl und bedeutet Heuschreckenhügel.
Mitten im Park liegt das Castillo de Cahpultepec, ehemals Sitz des Präsidenten, heute Museum und zudem Aussichtspunkt über den Park.







Später verließen wir den Park, um uns auf den Weg zum "Angel de la Independencia" zu machen. Erinnert euch dieses Monument der Unabhängigkeit nicht auch an die Siegessäule in Berlin?



In der Zeit in der wir dort waren soll es angeblich ein Erdbeben gegeben haben. Ich habe davon mal wieder nichts mitbekommen. Das kann doch so echt nicht weitergehen. Dauernd bebt die Erde und nie bekomme ich es mit. Wie soll ich denn so jemals ein kleines Erdbeben erleben?? Wohl nicht in Deutschland.

Zum Abschluss des Abends noch ein Bierchen in einer Bar in der wir dann zufällig noch eine andere deutsche Freiwillige trafen (sowie absichtlich die Freiwilligen die hier in Mexiko arbeiten). Aber das mit dem Zufall muss man sich mal vorstellen, da hat so eine Stadt 25 Millionen Einwohner, und wir als Fremde treffen zufällig jemanden den wir kennen!

Tag 5 ist erstaunlich unspektakulär. Da wir beschlossen hatten doch nicht schon am Wochenende abzureisen um noch einen Abstecher nach Puebla zu machen sondern zu bleiben (und wir haben wirklich 100 Mal nachgefragt ob das Für Jonny, Manuel und ihre Eltern auch wirklich kein Problem sei), hatten wir jede Menge Zeit. So machten wir uns auf den Weg zu einem kleinen kostenlosen Konzert, das der Musikrichtung entsprechend aber eher für Xenia interessant war. Ja ich gebe zu ich habe mich an diesem Tag etwas gelangweilt. Ein Tag ohne Fotos - ein fast verlorener Tag.

Tag 6, es wird wieder interessant, heißt es gibt auch wieder Fotos. Wir fuhren nach Xochimilco (gesprochen Zotschimilko). Einen Stadtteil in dem man noch erkennt, dass ganz Mexiko Stadt bzw schon damals Tenochtitlan auf einen See gebaut wurden. Dort gibt es nämlich Kanäle, über die man gegen entsprechendes Entgelt gerne ein paar Stunden spazieren gefahren wird. Die Boote sehen etwa so aus:



Schön bunt und für gewöhnlich mit Frauennamen. Schaut mal, eine Boot heißt Daniela:


Besonders lustig: Ebenfalls von Booten aus wurde Essen verkauft:


Und auf weiteren Booten fuhren Mariachi durch die Gegend:


Kurz gesagt wieder ein absolut gelungener Tag, aber auch leider schon der letzte. Am Abend wurde noch ein bisschen gefeiert und so schliefen wir am nächsten Tag erst gehörig aus bevor wir uns wieder auf den Weg nach Hause ins schöne Michoacán und ins geradezu beschauliche Morelia machten.

Donnerstag, 9. Mai 2013

100 Punkte im mexikanischen Einbürgerungstest

... verleihe ich mir persönlich dafür dass ich gestern gekocht habe und es meinen Gastgeschwistern zu scharf war. Dabei habe ich wirklich die allerkleinste Chili die ich gefunden habe in den Topf geworfen bzw. in den Mixer.

Ich habe nämlich dein Rezept für Spaghetti mit Tomatensoße und Zucchini-Stückchen etwas weiterentwickelt, Mama. Wie konnte dir nie auffallen, dass darin Chili fehlt? ;)

Mittwoch, 8. Mai 2013

Dinge die dir in Deutschland nicht passieren

Warum ich mitten am Tag (hier ist es gerade halb eins mittags) an meinem Laptop sitze und einen Eintrag schreibe? Nun ich muss zugeben der eigentliche Plan war jetzt gerade auf der Arbeit zu sein und so verließ ich wie jeden Tag gegen 11:30 das Haus, fuhr 10 Minuten mit dem Kombi (= Mini-Bus) und lief dann noch weitere 10 Minuten bei knallender Sonne und knappen 30°C zum "Instituto de la Juventud" meinem Arbeitgeber. Einige Angestellte auf dem Parkplatz und jede Menge junge Menschen vor den Eingängen - dieser Anblick verwirrte mich schon leicht und ja, ich hatte recht, heute würde kein normaler Arbeitstag werden. Die Mitarbeiter auf dem Parkplatz begrüßten mich mit: "Du kannst eigentlich gleich wieder nach Hause gehen", denn das IJUM war "eingenommen" worden.

"Eingenommen", das ist noch die bestmögliche Übersetzung für "tomado" (was nebenbei bemerkt in anderem Kontext auch betrunken heißt). Trotzdem verbinde ich das Wort "eingenommen" auf Deutsch eher mit Ritterburgen oder vielleicht noch mit strategisch wichtigen Städten in Kriegen, kurz gesagt mit nichts, das meinen persönlichen Alltag beeinflusst.

Hier ist das anders. Nahezu ständig ist das Stadtzentrum von Demonstranten "eingenommen" oder irgendwo anders eine wichtige Straße, Autos können nicht mehr passieren und in den Ausweichstraßen staut sich der Verkehr. Die Uni streikte Anfang des Jahres wochenlang und seitdem immer mal wieder halbtags, da der Konflikt wohl immer noch nicht gelöst ist. Studenten protestieren regelmäßig gegen die staatliche Bildungsreform, über die aber auch jeder etwas anderes sagt: Einmal ist sie wichtig für die Weiterentwicklung des Landes, soll höhere Ausbildungsniveaus schaffen, durch Prüfungen für die Lehrer, einen anderen Tag höre ich diese Prüfung solle aber nicht fachspezifisch sein sondern Allgemeinwissen abfragen, sei außerdem ein weiteres Türchen für die Korruption und nebenbei schaffe die Reform auch Unterstützungsgelder ab, die Kindern und Jugendlichen in ärmeren Regionen überhaupt erst ermöglichen zur Schule zu gehen, da diese Gelder zu oft zu unrecht erschlichen würden. So etwas wie unabhängige Berichterstattung um sich einmal selbst zu informieren gibt es nicht - Pressfreiheit? Fehlanzeige... auch einen Blogeintrag wert eigentlich.

Was also heute mal wieder los war, ganz einfach ich weiß es nicht. Nicht dass ich nicht nachgefragt hätte, aber die Antwort "Die wollen Geld." hat mich nicht viel weiter gebracht. Generell weiß ich hier nie ob das jetzt alles einzelne Probleme sind oder ob das nicht doch alles zusammenhängt oder ob, wie hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird, hinter der einen oder anderen Unruhe nicht doch das organisierte Verbrechen oder die Politik stecken (sofern man zwischen den beiden Faktoren überhaupt unterscheiden kann).

In Deutschland hätten wir gegen die meisten dieser Unruhen ein gutes Mittel: Staatsgewalt, sprich Polizei, oder einfach gleich schöne ordentliche, genehmigt Demonstrationen. Und hier, naja hier nicht. Nicht dass es nicht genug Polizei gäbe, die fahren hier genauso wie das Militär alle paar Minuten scharf bewaffnet vorbei, doch eingreifen wollen/können/dürfen/sollen sie nicht. Was dieser Haufen Modalverben soll? Ganz einfach, ich verstehe die Gründe selbst nicht. Wenn alles was Macht hat irgendwie zusammenhängt, sich kennt und korrupt ist, ist es nahezu unmöglich zu durchschauen wer die Fäden zieht.

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Da wünsche ich mir manchmal ein wenig deutsche Ordnung her, um mal eine elegante Überleitung zu einem Themawechsel um 180° einzubringen. Ich will hier keine Klischees verbreiten, aber fest steht, hier in Mexiko verstehe ich unser deutsches Wertesystem besser, da ich das mexikanische eben nicht immer verstehe, und lerne es entsprechend auch besser zu schätzen. Nicht weil es für alle besser ist, sondern weil es für mich besser ist, weil ich damit aufgewachsen bin und dafür erzogen wurde. Klingt jetzt sehr theoretisch, zur Erklärung zwei Beispiele:

Erstens wird mir hier vorgeworfen ich sei so "seria". Übersetze ich das jetzt mit "ernst" fühle ich mich beleidigt, denn ich bin nicht ernst. Ich lache viel und gerne, über wirklich lustige sowie einfach nur alberne Dinge. "Seria" ist man hier aber schon, wenn man wenig redet, auch wenn man die Person, mit der man da so wenig redet erst seit einigen Minuten oder Stunden kennt. Und wer mich kennt, wirklich kennt, sprich mindestens seit Monaten oder besser seit Jahren, weiß, mein Repertoire reicht von mucks-mäuschen-still bis plappern wie ein Wasserfall und bei sich fast überschlagender Stimme. Das hängt von der Situation ab, vor allem davon wie vertraut ich mit meinen Gesprächspartnern bin. Ich weiß nicht ob das ein persönliches oder ein tendenziell deutsches Verhaltensmuster ist, aber ich weiß, es ist kein mexikanisches. Den meisten Leuten hier fällt es leicht gegenüber völlig Unbekannten ein Gesprächsthema nach dem anderen aus dem Ärmel zu schütteln. Ich persönlich kann das nicht und bevorzuge Schweigen gegenüber an den Haaren herbeigezogenen Fragen, deren Antwort mich ja vielleicht auch eigentlich gar nicht interessiert. Fazit ich bin "seria". "Gut und du redest mit zu viel Mist!", könnte ich antworten, doch wir, die Mexikaner und ich, würden aneinander vorbeireden, da wir unterschiedliche Werte und Erziehung haben.

Zweites Beispiel: Höflichkeit. Seitens Mexikanern wurde mir gegenüber schon häufiger die Bemerkung geäußert, Deutsche seien weniger höflich als Mexikaner. "Was'n Blödsinn!" Wäre da die erste Antwort die mir einfällt. Ein paar Sekunden und einige Gedankengänge später würde ich sie aber wohl um "Wie definieren Höflichkeit nur anders." erweitern. Woher diese Bemerkung kommt? Wohl von der deutschen Direktheit. In Deutschland gilt konstruktive Kritik als positiv. Hat man ein Problem mit einer Person, ein Problem dieser Art, dass sich lösen lassen könnte wenn man es anspricht, wird es eben angesprochen. Das finde ich höflicher als mich bis auf alle Zeit stillschweigend oder aber im Gespräch mit anderen, hinterm Rücken der betroffenen Person darüber aufzuregen. Warum finde ich das höflicher? Weil ich in Deutschland aufgewachsen bin. Ein Mexikaner oder ein Mexikanerin könnte sich ganz schön vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn ich so offen mit Kritik an ihnen käme, und sei diese noch so konstruktiv. Er oder sie fände mich womöglich unhöflich, weil ich nicht einfach meine Klappe halten kann wenn dies aus ihrer Sicht angemessen ist.

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Fazit, manchmal bekomme ich Lust wieder in einem Land zu leben, in dem ich auf Recht und Ordnung vertrauen kann und in dem ich mich absolut auskenne, sprich in Deutschland. Andererseits werde ich jedes Mal wenn ich an den Abschied denke regelrecht melancholisch, habe ich mir doch auch hier ein so schönes Leben eingerichtet. Fest steht, in drei Monaten fliege ich nach Hause, vor allem mit positiven Erfahrungen im Gepäck, die das Jahr zum außergewöhnlichsten meines Lebens machen aber auch mit der einen oder anderen negativen oder nachdenklich machenden. Beides trägt dazu bei, dass die Entscheidung für ein Jahr hier herzukommen eine der wohl besten war, die ich je getroffen habe.

Mittwoch, 1. Mai 2013

Wie sieht ein Teller nach mexikanischem Essen aus?


Richtig, es liegt der Rest einer (wohlgemerkt von mir als schon fast deutsch-Mexikanerin höchstpersönlich) angebissenen Chilischote darauf!

Samstag, 20. April 2013

Fleißiges Deutsch-unterrichten



Dieses leicht gestellte Foto soll einmal die Arbeit verdeutlichen, die ich in meinen Deutschkurs investiere. Wer genau hinsieht kann von links oben nach rechts unten folgendes entdecken
1) Vokabelliste zum 3. Kapitel
2) Einen aufgrund fehlender CD zum Buch meinerseits leicht improvisierten Hörverstehens-Text
3) Mein Arbeitsblatt zum Thema Verbkonjugation im Präsens
4) Einen Stadtplan mit Wegbeschreibung
5) Kärtchen in drei Farben zum verdeutlichen von „der“, „die“ und „das“
6) Meinen Notizblock, auf dem ich am Tag davor grob den Stundenverlauf notiere
7) Übersichtsplakate zu den Pronomen sowie der Konjugation von „sein“ sowie der regelmäßigen Konjugation am Beispiel von „kommen“
8) Kärtchen mit Buchstaben, besonders kompliziert: Ä, Ö, Ü und ß
9) Lehrbuch und Arbeitsbuch
10) Eine Mappe voller weiterer Kopien, Notizen und Zettelchen
11) Aus Schnipseln zusammengelegte Sätze zum verdeutlichen der Satzstellung in Aussagesatz und Frage
12) Kopien aus Arbeits- und Lehrbuch
13) Schere, Textmarker, Kuli, Bleistift und Buntstifte, oder was eine motivierte Lehrerin sonst noch so braucht

Mittwoch, 17. April 2013

Ostern ohne Ostern


Wie man Ostern in Mexiko feiert? Keine Ahnung. Meine Gastfamilie feierte einfach gar nicht. Vom Osterwochenende gibt es aber trotzdem einiges zu erzählen, denn meine Gastfamilie, die wie fleißigen Bloglesern bekannt ist aus drei Geschwistern besteht (Christian, Marisol und Gilberto), nutzte die freien Tage um gemeinsam mit mir ihre Eltern, Tanten, Großeltern, Cousins und so weiter, kurz gesagt ihr Heimat aufzusuchen. Ebenfalls mit von der Partie: Meine „Nichte“ Jimena, Tochter meines großen Gastbruders, sowie dessen Freundin, ebenfalls mit Kind.
Meine Gastfamilie kommt aus Zicuiran, einem, naja nennen wir es mal großen Dorf (wenn sich das nicht widerspricht), von etwa 3000 Einwohnern in Tierra Caliente. Diese Region Michoacáns, die übersetzt etwa  „heiße Erde“ heißt, ist zum einen, der Name verrät es kaum, für die Hitze bekannt, die dort herrscht, aber auch für Drogenkriminalität. All das trägt dazu bei, dass das Leben dort noch einmal ganz anders ist, als das was ich in Huecorio und Morelia kennengelernt habe.
Was das Drogengeschäft angeht, so hat das Dorf seinen Chef-narco (narcotraficante kurz “narco“= Drogenhändler). Jeder kennt ihn, doch niemand würde ihn ausliefern, denn ihm haben es die Leute zu verdanken, dass es so viel Arbeit gibt. Immer wieder auf Fahrten oder Spaziergängen durchs Dorf stupste mich meine Gastschwester an und erklärte: „Hier siehst du die Apotheke/diese Disko/diese Ampeln/… all das hat er bauen lassen, all das gehört ihm, aber pssst, man redet nicht darüber, denn diese Leute haben keine Skrupel dich umzubringen wenn du redest.“ Das Ganze geht so weit, dass ich eine Geschichte hörte, dass ein 8-Jähriger von der Polizei das Foto dieses Chef-narcos vorgehalten bekommen haben soll. Selbstverständlich kannte er ihn, doch er log den Polizisten ins Gesicht. der Chef-narco erfuhr davon und ließ dem kleinen 1000$ also etwa 65€ zukommen. Diese Geschichten werden hier übrigens genauso trocken bis lustig erzählt. Es ist etwas total Normales, die Leute haben sich damit arrangiert und wissen sich rauszuhalten. Trotzdem fand ich es gruselig Personen zu treffen die meine Gastschwester grüßten und im Nachhinein von ihr zu erfahren, dass auch sie narcos sind. Es ist so unvorstellbar für mich, wie normal das hier ist. Aber zurück zum offiziellen Leben im Dorf:
Am Donnerstag gegen Mittag, also zur heißesten Zeit des Tages kamen wir an. ich weiß nicht wie viel Grad es gewesen sein mögen, das einzige Mal, dass ich auf ein Thermometer schaute war abends um 10 Uhr, um diese Zeit zeigte das Thermometer nur noch 25 Grad.
Das Haus der Familie ist klein und einfach. Der hintere, ältere Teil ist aus Holz und unverschlossen. Nur der Bereich in dem Tortas (belegte Brötchen) verkauft werden sowie das Schlafzimmer, das sich früher die ganze Familie teilte, jetzt aber entsprechend nur noch wenn die Kinder zu Besuch sind richtig voll wird, haben Steinwände. Eigentlich findet das ganze Leben draußen statt, denn alle Türen (sofern es welche gibt) stehen offen und wer gerade nichts zu tun hatte, saß hinter dem Haus zwischen Kakteen, Zitronenbäumen und Palmen. Wie ich es schon aus Huecorio kannte, gibt es nicht laufend fließend Wasser wie etwa in Morelia. Das Wasser kommt nur alle paar Tage sodass man in dieser Zeit die „pila“ ein großes Wasserbecken volllaufen lässt. Daraus schöpft man dann Wasser zum waschen spülen oder duschen. Ja richtig, eine Dusche gibt es nämlich leider nicht. Macht es einem nichts aus, dass Vorbeigehende von der Straße aus zusehen könnten, kann man sich natürlich hinter der „pila“ duschen, wenn doch, nun, dann geht man eben zum Duschen zwei Straßen weiter die Tante besuchen.
So lernte ich nach und nach die ganze Familie kennen, einschließlich absolut liebenswerter Großmutter aus dem Nachbardorf. Im Elternhaus selbst hielt sich die Kommunikation in Grenzen, da die Mutter von ihrem Restaurant voll beansprucht ist und der Vater kein Mann der vielen Worte. Wer meine Aufmerksamkeit dagegen vollkommen beanspruchte war meine Nichte, die mich vorübergehend zu ihrer Lieblingstante erklärt zu haben scheint.
Wie wir also die ganze Zeit verbrachten? Ich weiß es auch nicht so ganz. Das Wochenende dort hatte so einen ganz anderen Rhythmus als das in Morelia. Abwechselnd widmeten wir uns der Kinderbespaßung – die beiden schleppten bald eine ganze Horde an Kindern aus der Nachbarschaft an – oder wurden zur „tienda“ (etwa Tante-Emma-Laden, in ganz Mexiko allerdings noch total gefragt) geschickt und ruhten uns zwischenzeitlich immer wieder im Schatten von der unerträglichen Hitze aus, tranken wahlweise eiskalte Cola oder eiskaltes Bier (mit Salz und Zitrone) und aßen frisch gepflückte Mangos. Einen Tag holten wir Kokosnüsse von der Palme, um das Kokoswasser kalt zu stellen und sowie das frische Kokosfleisch zu essen und ebenfalls an diesem Tag wurde aus dem friedlichem Planschen der Kinder im Planschbecken schnell eine Wasserschlacht zwischen uns „Erwachsenen“ die wir alle klitschnass beendeten. Einen anderen Tag kam eine Freundin Marisols mit ihrer gesamten Familie vorbei und wir brieten „mojarras“ für die ganze große Runde und veranstalteten eine Art Gartenparty. Zweimal fuhren wir nach Ixtapita (der Name ist ein Wortspiel, bedeutet kleines Ixtapa, der Name einer sehr touristischen Küstenstadt in Michoacáns Nachbarstaat Guerrero). Ixtapita liegt leider nicht am Strand sondern an einem Stausee. Trotzdem wurde dort eine Art Erlebnisschwimmbad eröffnet, mit Pool, Bananen-Boot, Restaurant und mehr. Wir kamen allerdings immer nur zum gucken vorbei. Ins Wasser hätte sich niemand getraut bei alledem was man sich über das erzählt was auf dem Grund des Stausees zu finden ist…
Ich sollte vielleicht bei meinem nächsten Besuch in Zicuiran ein paar Bilder machen. Diesmal wäre ich mir dabei etwas zu touristisch und aufdringlich vorgekommen.

Mittwoch, 20. März 2013

Endlich wieder Proben!


„Y que es lo que extrañas más de allá?”, ist eine der mir wohl am häufigsten gestellten Fragen. Was ich also am meisten von „dort“ (gemeint ist natürlich Deutschland) vermisse? „Meine Familie und meine Freunde“, antworte ich ohne zu zögern. „Und abgesehen davon?“

Die Antwort: Im Allgemeinen, meinen häufig stressigen Alltag. Von der Schule nach Hause hetzen, in den Freistunden schnell Essen warm machen, Hausaufgaben runterschreiben, 15 Minuten Klavier spielen. Mittags mit 1000 Taschen aus dem Haus gehen, um zwischen Nachhilfe, Klarinettenunterricht und Orchesterprobe nicht mehr nach Hause kommen zu müssen.  Wie oft habe ich darüber gejammert und doch gewusst, dass es genau das ist was ich brauche um das Gefühl zu haben mein Leben in vollen Zügen zu leben. „Al cien“ sozusagen, zu 100 Prozent. Von allem aber am meisten, habe ich es vermisst im Orchester zu spielen, etwas zu haben wofür sich das Üben lohnt.

Aber jetzt kommt die gute Nachricht: Ab sofort heißt die Antwort auf die Frage was ich am meisten vermisse wahrscheinlich Frikadellen mit Nudelsalat, denn mein Wunsch, endlich wieder in einem Orchester zu spielen, wieder zu proben, hat sich mit Dank etwas Glück, oder sagen wir Dank Nicole erfüllt.

Die spielt nämlich schon seit einigen Wochen in der Jugend-Philharmonie von Morelia und konnte mir ein außerordentliches Probespiel arrangieren, das provisorisch in der Küche des Proberaumes stattfand. Ich muss sagen, die Atmosphäre nahm sogar etwas die Aufregung, sodass ich nicht einmal das komplette Stück, das ich vorbereitet hatte, spielen musste, um aufgenommen zu werden.

Naja und von nun an werde ich jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 18 bis 21 Uhr mit dem Jugend-Sinfonieorchester proben, werde fast wie zuhause das Haus gegen Mittag verlassen und erst weit nach Anbruch der Dunkelheit zurückkehren, um mich anschließend glücklich und zufrieden aufs Bett zu schmeißen.